Grundlagen: Wie erstelle ich ein Lead Sheet?

In diesem Artikel erfährst du, wie du ein einfaches Lead Sheet selbst erstellen kannst, nach dem dann du oder deine Band den Song spielen könnt.

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Auszug aus einem von mir erstellten Lead Sheet. Notiert sind der Bass aus dem Intro, die Akkorde sowie die Bläser-Licks, die vom Keyboard gespielt werden

Voraussetzungen

Für das Erstellen von Lead Sheets solltest du einige Voraussetzungen mitbringen:

  • gute Kenntnisse in Harmonielehre
  • Kenntnisse über Akkordsymbole
  • ein gutes Gehör
  • Grundlagenwissen Instrumentenkunde
  • Grundlagenwissen Formenlehre

 

Dass man zum Heraushören und Notieren von harmonischen Strukturen ein gute Kenntnisse in Harmonielehre und auch ein halbwegs geschultes Gehör benötigt, versteht sich fast von selbst. Wichtig sind aber auch Kenntnisse, wie die gehörten Harmonien in Akkordsymbolen, die jeder versteht, ausgedrückt werden können. Darüber hinaus sollten dir gängige musikalische Formen wie zum Beispiel die Liedform mit Intro, Strophe, Refrain, Bridge, Solo, Interlude, Outro, Ending usw. ein Begriff sein. Zuletzt schadet etwas Instrumentenkunde zu den üblichen Band-Instrumenten nicht, denn deine Lead Sheets sollen auch von anderen Musikern verwendet werden können. Schreibst du also Bass Lines für den Bassisten, ist es hilfreich, wenn du den üblichen Tonumfang des Basses kennst und weißt, wie du Noten für den Bass aufschreiben musst, damit sie vom Bassisten gelesen und gespielt werden können. Gleiches gilt für die Gitarre oder auch das Schlagzeug.

Was wird benötigt?

Du kannst natürlich deine Lead Sheets von Hand schreiben. Das geht meistens sogar schneller als mit einer Software. Möchtest du allerdings die Lead Sheets auch anderen Musikern zur Verfügung stellen, schreib sie bitte mit einer Notensatz-Software. Nichts ist schlimmer als die Handschrift eines Musikers entziffern zu müssen, die er zwar selbst lesen kann, aber dafür niemand sonst.

Notensatz-Software hat darüber hinaus den Vorteil, dass du einfach Verbesserungen vornehmen kannst, das Sheet transponieren und mehrere Revisionen abspeichern. Oft ergeben sich im Nachhinein noch Änderungen, die man so auf einfache Art und Weise einpflegen kann. Außerdem nutzen mittlerweile viele Musiker iPads auf der Bühne und du kannst ihnen ein PDF deines Lead Sheets zukommen lassen, das sie dann mit dem iPad anzeigen können.

 

Software-Empfehlungen

Zwei empfehlenswerte Produkte sind Avid Sibelius und Guitar Pro. Es muss zum Erstellen von Lead Sheets von Sibelius nicht gleich Sibelius Ultimate sein. Die kleine Sibelius First-Version reicht vollkommen. Auch Guitar Pro ist ein super Programm, um damit Lead Sheets zu erstellen und sehr weit verbreitet.

Ich empfehle dir außerdem eine gute Audio-Software zum Transkribieren von Stücken anzuschaffen. Eine solche Software sollte Passagen loopen können, Marker für Formteile ermöglichen und außerdem eine Funktion zum Verringern der Abspielgeschwindigkeit bei gleichbleibender Tonhöhe bieten. Ein solches Tool ist zum Beispiel die Software AnyTune, die es für iOS, MacOS und Android gibt.

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Anytune ist die perfekte App zum Üben und Transkribieren von Songs

Es geht los – der Countdown läuft

Für unser erstes Lead Sheet habe ich den bekannten NDW-Song “Major Tom (völlig losgelöst)” von Peter Schilling ausgesucht. Der Song hat eine recht einfache Lied-Form und ist darüber hinaus nicht zu überfrachtet, was das Arrangement angeht. Die wenigen Instrumente sind gut zu hören und auch die harmonische Struktur ist recht einfach. Wir werden hier nicht den kompletten Song aufschreiben, sondern ich zeige dir, wie es geht und den Rest darfst du dann als Übung selbst erledigen. Aus urheberrechtlichen Gründen darf ich dir das Lied nicht zum Download zur Verfügung stellen. Du findest es aber bei YouTube und auf allen gängigen Streaming Portalen (und mit großer Wahrscheinlichkeit steht es irgendwo im Plattenschrank deiner Eltern). Für diese Übung kannst du einfach auch das YouTube-Video nutzen.

Tipp: Auch YouTube bietet die Möglichkeit, das Video langsamer laufen zu lassen. So verringert sich auch die Geschwindigkeit der Audiowiedergabe. Klicke dazu auf das kleine Zahnrad bei den Player-Bedienelementen und wähle dort die Wiedergabegeschwindigkeit.

Form des Songs

Importiere den Song in einen Player wie Anytune, nutze YouTube oder jede andere Abspiel-Software für Audiodaten. Starte nun dein Notensatz-Programm oder halte Notenpapier und Stift bereit.

Wir beginnen mit der Form des Songs. Ich lege mir dazu als Hilfsmittel in Anytune Audiomarker an, die es mir später erlauben, an die entsprechenden Stellen zu springen. So muss ich weniger spulen und das Heraushören geht zügiger. Ich höre mir dazu den Song einmal an. Starten und stoppen kann ich die Wiedergabe mit der SPACE-Taste. An den entsprechenden Stellen, an denen ein Formteil beginnt, stoppe ich kurz und setze einen Audiomarker für Intro, Strophe, Refrain, Bridge, Solo, Coda und so weiter.

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AnyTune stellt praktischerweise Audiomarker zur Verfügung, mit denen ich schnell die einzelnen Song-Abschnitte markieren kann.

Auf diese Weise bewege ich mich fast in Echtzeit durch den Song. Dieser hat eine Spielzeit von knapp unter fünf Minuten, länger als sechs bis sieben Minuten dauert es nicht, die Form zu analysieren und entsprechende Marker zu setzen. Das Endergebnis sieht dann in meinem Fall wie folgt aus:

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Die Wellenformübersicht zeigt alle Marker mit Abkürzungen an. So kann man schnell im Song navigieren.

Nun ist bereits die wesentliche Vorarbeit geleistet. Eine Übersicht mit allen Audiomarkern im Klartext lässt sich in AnyTune auf der linken Bildschirmseite einblenden. Über hast du nun einen guten Überblick über den Song und kannst die einzelnen Song-Teile schnell anspringen. Das ist ein prima Hilfsmittel für unseren nächsten Schritt: Wir zählen die Takte innerhalb eines jeden Formteils. Springe dazu jeden Formteil an und zähle die Takte bis zum nachfolgenden Formteil. Für jeden einzelnen dieser Takte machst du nun entweder einen Taktstrich auf deinem Notenblatt (genug Platz für den Taktinhalt lassen) oder zählst die Anzahl der Takte in deiner Notensatz-Software ab. Ein guter Stil ist es, vier oder acht Takte pro Notenzeile zu notieren. Das Ende eines Formteils markierst du nun mit einem Doppelstrich. Über den ersten Takt schreibst du den Namen des Formteils, zum Beispiel “Intro” oder “Strophe”. Wenn du alles von Hand aufschreibst, lass genug Platz für die Akkordsymbole, die wir später einfügen müssen.

Das Ergebnis sollte dann ungefähr so aussehen wie im folgenden Bildschirmfoto gezeigt. Wiederholungen kannst du sofort eintragen, ebenso auch Textmarkierungen für die einzelnen Song-Teile.

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Am Anfang besteht das Lead Sheet zunächst aus vielen Leertakten, vielleicht einigen Wiederholungszeichen und einigen Textangaben zu den Song-Teilen. Auch die Taktart kannst du schon eintragen und, falls bekannt, die Tonart.

Wie du erkennen kannst, habe ich auch schon einige weitere Anmerkungen aufgenommen, die Tonart eingetragen (in diesem Fall G-Dur) und Infos zu bestimmten Instrumenteneinsätzen oder Sounds. Auch habe ich auf der ersten Seite schon einen Bassschlüssel ausgewählt. Warum? Das erfährst du gleich.

Tipp

AnyTune ermittelt automatisch das Song-Tempo und zeigt es an. Übertage es doch auch gleich in dein Lead Sheet. Kennst du das Song-Tempo und die Tonart nicht, gibt es einige Tools online, die dir helfen können. tunebat.com ist eine große Internet-Datenbank, in der nicht nur das Song-Tempo der meisten Chart Hits hinterlegt ist, sondern auch die Tonart. Du kannst sogar eine Audio-Datei hochladen und das Tempo und die Tonart automatisch bestimmen lassen. Achtung: Überprüfe solche Ergebnisse immer!

Weiter geht's: Akkorde

Tonart bestimmen

Nachdem nun das Grundgerüst steht, wird es Zeit, es mit Akkorden zu füllen. Hast du im letzten Schritt die Tonart ermitteln können (oder sie ermitteln lassen?), dann weißt du schon, welche Akkorde mit großer Wahrscheinlichkeit in dem Stück verwendet werden.

Die Original-Tonart des Stücks ist e-Moll/G-Dur. Schauen wir uns die Akkorde in beiden Tonarten mal näher an. In e-Moll (natürlich) haben wir auf den wichtigen Stufen folgende Akkorde:

I. Stufe: Em
III. Stufe: G
IV. Stufe: Am
V. Stufe: Hm
VI. Stufe: C
VII. Stufe: D

In G-Dur sind es:

I. Stufe: G
II. Stufe: Am
III. Stufe: Hm
IV. Stufe: C
V. Stufe: D
VI. Stufe: Em

Um die Tonart eines Stückes zu bestimmen, nutzen wir die Melodie, die Akkorde, die Akkordbeziehungen und den Schlussakkord. Während die Melodie der Strophe deutlich molltonal ist, ist sie im wichtigen Chorus deutlich durtonal. Das Stück endet auch mit dem Fade Out einer durtonalen Akkordfolge. Dem Bestimmen der Tonart eines Musikstückes werde ich einen eigenen Artikel widmen.

Akkordbeziehungen hören und ausprobieren

Nun geht es mit deinem Instrument weiter. Profis mit sehr gutem Gehör können das Heraushören von Akkorden auch ohne Instrument, ich empfehle dir für den Einstieg aber ein Akkordinstrument wie Gitarre oder ein Klavier/Keyboard.

Das Stück beginnt zunächst einmal mit einem monofonen Synthesizer-Bass. Die anderen Instrumente spielen noch nicht. Wir tragen im Lead Sheet also N.C. für “No Chord” ein. Als Keyboarder notiere ich mir den Synthie Bass als Stichnoten. Die Band setzt ab Takt 5 ein und wiederholt die Takte 5 und 6 insgesamt fünfmal. In Takt 13 und 14 spielt nur die E-Gitarre mit einem palm-muted E5 Power Chord durchgängige Achtel. Auch das habe ich entsprechend eingetragen. Beachte, dass ich in diesen beiden Takten nicht die Tonhöhe notiert habe, sondern nur den Rhythmus. Wiederholungstakte habe ich mit einem Faulenzer versehen.

Stichwort Power Chords: Power Chords werden von E-Gitarristen gerne gespielt und bestehen aus Grundton und Quinte. Oft wird noch die Oktave ergänzt. Die Terz, die für die Dur- oder Molltonalität den Ausschlag gibt, fehlt bei einem Power Chord. Gespielt werden hier im Intro nur der E5 und der A5 Power Chord. Diese habe ich entsprechend eingetragen.

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Zu Beginn des Stückes spielt nur der Synthie Bass. Diesen habe ich ausnotiert. Außerdem habe ich den Einsatz der Band gekennzeichnet.

Nun geht es mit der Strophe weiter. Erneut spielt zu Beginn nur die E-Gitarre ihre Power Chords. Diese habe ich eingetragen. Der Bass setzt kurz vor der zweiten Strophe ein (Takte 25-26) und spielt ein rhythmisch versetztes Pattern. Da dieses so markant ist und unbedingt so gespielt werden muss, habe ich auch das notiert.

Achte darauf, dass bislang alle ausnotierten Passagen im Bassschlüssel notiert wurden. Das erleichtert die Lesbarkeit auf der Bühne, da dann weniger Hilfslinien benötigt werden.

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Die notierte Basslinie von Major Tom mit den Power Chords für die Gitarre.

Bei Major Tom spielt der Bass sehr oft Dreiklänge. Dennoch habe ich mich für die Power Chord Akkordbezeichnungen entschieden, da die Gitarre weiterhin Power Chords spielt.

Nun folgt der Refrain. Das Keyboard spielt ab jetzt einen Flächenklang (Synth Pad). Das trage ich natürlich ins Lead Sheet ein. Da jetzt auch richtige Akkorde gespielt werden und nicht nur Power Chords, verwende ich die entsprechenden Symbole.

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Der Chorus von Major Tom.

Nach dem Chorus erfolgt erneut der Instrumentalteil, den wir schon aus dem Intro kennen. Allerdings wird hier das Synthie-Pattern aus den Takten 5-6 nicht so oft wiederholt wie im Intro. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, es erneut aufzuschreiben. Da allerdings die Strophen 3 und 4 sich nicht von den ersten beiden Strophen unterscheiden, lösche ich deren Leertakte aus meiner Vorlage und setze stattdessen eine Sprungmarke zurück zu dem Beginn der ersten Strophe.

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Das Interlude entspricht bis auf eine kleine Änderung dem Instrumentalteil aus dem Intro. Danach geht es per Sprungmarke zurück zur Strophe.

Die beiden kompletten ersten Seiten sehen nun so aus:

Lead Sheet: Zwischenstand

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Das halbfertige Lead Sheet. Ein Großteil der Arbeit ist geschafft.

Nun ist Halbzeit. Der wesentliche Teil des Lead Sheets ist geschafft. Höre dir nun den Song von vorne an und vergleiche das, was du bislang notiert hast, mit dem Original. Passt alles oder muss noch etwas verändert werden? Nach einer Tasse Kaffee oder einem Kaltgetränk geht es weiter. Der Rest des Songs besteht im Prinzip nur noch aus dem Kopieren der bereits erarbeiteten Teile. Höre dir die zweite Hälfte des Songs an und vergleiche sie mit den bereits notierten Passagen. Kopiere dann diese an die jeweiligen noch nicht ausgefüllten Stellen.

Wie geht es weiter?

Fülle zum Üben den Rest des Lead Sheets aus und vergleiche anschließend dein Ergebnis mit dem Original. Passt alles? Der Rest der Arbeit besteht nun meistens aus dem Formatieren des Lead Sheets, sodass es später gut aussieht und alles gut lesbar ist. Du kannst nun auch verschiedene Versionen für die einzelnen Instrumente erstellen und dort all das löschen, was für den jeweiligen Musiker nicht relevant ist (zum Beispiel den Bass in der Gitarrenversion). Oder aber du belässt es bei einer allgemeingültigen Fassung deines Lead Sheets. Ich persönlich weiß gerne, was in den anderen Instrumentenstimmen gerade los ist. Das ist angenehmer als nur Pausen zu sehen und die alle durchzählen zu müssen, damit ich meinen eigenen Einsatz nicht verpasse. Da ich als Keyboarder nach dem Intro erst zum Refrain wieder einsetze, kann ich so leicht verfolgen, was die anderen Instrumente gerade machen und mir das Auszählen von Pausentakten sparen.

Fazit

Lead Sheets zu schreiben ist gar nicht so schwer. Hast du es einige Male gemacht und dir einen guten Workflow angeeignet, geht das recht zügig. Auch wenn du noch nicht so gut im Heraushören der Akkorde und Melodiestimmen bist, kannst du schon mit dem Schreiben von Lead Sheets anfangen. Nimm eine Website wie Ultimate Guitar und erstelle anhand der dort gezeigten Akkorde über den Texten das Lead Sheet. Du kannst dort oft auch eine Notendarstellung für einzelne Instrumente einschalten. Übertrage einfach diese Akkorde und Notenpassagen in dein eigenes Lead Sheet. So übst du bereits das Erstellen von Lead Sheets und mit der Software umzugehen, auch wenn du noch nicht so fit in Harmonielehre bist.

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