Kihon, Kata, Kumite: Die drei K's

Karate und Musik haben vieles gemeinsam, zum Beispiel die drei K’s: Kihon, Kata und Kumite. Als Nicht-Kampfkünstler fragst du dich nun vielleicht, was es damit auf sich hat und warum die drei Bereiche des Karate-Do Kihon, Kata und Kumite für deinen Weg als Musiker wichtig sind. In diesem Artikel erfährst du mehr.

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Karate und Musik haben viele Gemeinsamkeiten

Kihon: Techniktraining – der Weg zur Perfektion

Kihon ist das Techniktraining des Karateka. Hier legt er das Fundament für sein Karate und perfektioniert die Techniken. Sie sind der Grundbaustein für alles andere, das folgt. In tausenden Wiederholungen werden Techniken zunächst kleinschrittig, dann später fließend wiederholt, bis sie irgendwann automatisiert ablaufen. Gibt es mehrere Varianten einer Technik, lernt der Karateka sie alle und wählt anschließend diejenige aus, die sich für ihn natürlich oder effektiv anfühlt.

Auch der Musiker lernt sein Handwerkszeug in vielen Wiederholungen und verbessert seine Technik beständig, perfektioniert sie. Fingersätze, Akkordgriffe, Tonleitern und vieles mehr werden geübt. Die Unabhängigkeit der Hände wird trainiert. All das soll später beim Musizieren perfekt funktionieren.

Kata: Verbinden der Techniken zu einem Ablauf

Was wäre eine Technik, wenn man sie nicht irgendwo einbettet, sie anwendet? Für den Karateka ist das die Kata. Die Kata kombiniert mehrere Techniken zu einem längeren Bewegungsablauf in verschiedene Richtungen. Ursprünglich diente Kata zum Üben der Selbstverteidigung ohne Gegner. Eine Kata hat eine Form und einen Rhythmus. Viele Wiederholungen sorgen dafür, dass Techniken, Form und Rhythmus der Kata verinnerlicht werden. Eine Kata ist ein Kunstwerk in sich und es gibt viele verschiedene Interpretationen. Egal, welche Interpretation gewählt wird, sie muss am Ende überzeugend sein. Verschiedene Karate-Stile haben eigene Katas oder die Katas ähneln sich, unterscheiden sich aber in einigen Details.

Der Musiker übt an einem Musikstück. Hier sind alle Techniken enthalten, die er zuvor geübt hat (in der Kihon). Die Techniken sind im Musikstück miteinander verbunden, es gibt eine Form und das Stück hat einen Rhythmus. Ein Stück besitzt viele verschiedene Interpretationen, deren Vortrag überzeugend sein muss.

Kumite

Kumite ist die Arbeit mit einem Partner. Angriff und Verteidigung wechseln sich ab. Hierbei kann es sich um abgesprochene Angriffstechniken und festgelegte Verteidigungen dagegen handeln, abgesprochene Angriffe und freie Verteidigungen oder aber auch um einen Freikampf. Im Mittelpunkt des Kumite steht die Interaktion der Partner miteinander. Perfektes Timing spielt eine sehr große Rolle.

In der Musik arbeiten wir auch oft mit einem Partner (oder mehreren), zum Beispiel als Duo, als Band oder Orchester. Wie interagieren miteinander, reagieren aufeinander. Aus dieser Interaktion entsteht ein musikalisches Gesamtbild. Timing spielt eine große Rolle für die Qualität der Musik. Einen gemeinsamen Groove zu finden, ist sehr wichtig.

Trainiere die drei K's

Nicht nur für den Karateka, sondern auch für den Musiker ist es wichtig, die drei K’s regelmäßig zu trainieren. Wie beim Karate-Do verändern sich auch beim Musiker die Schwerpunkte zwischen den drei K’s im Laufe der Zeit.

Ist das Spielen des Instruments zu Anfang noch eine sehr technische Angelegenheit, dominiert bald das Spielen von Stücken und die Spieltechnik tritt immer weiter in den Hintergrund. Sie tritt aber nie so weit in den Hintergrund, dass sie vernachlässigt wird. Sie wird weiter gepflegt und viele Musiker perfektionieren sie im Laufe ihres Lebens immer weiter.

Nach einer Weile kommt dann das Spielen mit anderen Musikern hinzu. Einige Musiker spielen in Ensembles, in Bands, in Orchestern. Zugleich arbeiten sie weiterhin an ihrer Spieltechnik und auch das solistische Spiel ohne Partner spielt eine Rolle.

Manche Musiker verlieren sich zu stark in einem der drei K’s. Sie verbeißen sich in die Technik, in das Kihon. Darunter leidet später das Spielen von Stücken, die Kata. Alles wird statisch, die Lebendigkeit fehlt. Wieder andere vernachlässigen das letzte K: das Kumite. Sie spielen nur für sich alleine und niemals mit anderen zusammen. Die für Musik so wichtige Interaktion fehlt.

Bunkai: Interpretation und Forschung

Karate gibt es als Wettkampfdisziplin und als Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Fortgeschrittene Karateka beschäftigen sich oft mit der Bunkai einer Kata.  Anders als im Wettkampf geht es hier nicht um eine wettkampftaugliche Interpretation, die möglichst viele Punkte für den Sieg erzielen soll, sondern um eine Interpretation, die den Selbstverteidigungsaspekt, den Kata ursprünglich besaß (und noch besitzt), betont. Da leider historische Aufzeichnungen zur Bunkai fehlen, ist der Interpretationsspielraum sehr groß beziehungsweise wird das Finden einer oder mehrerer Bunkai zu einer Kata eine Forschungsaufgabe, die weit bis in die Ursprünge des Karate zurückreicht. Die Ergebnisse sind manchmal recht unterschiedlich und nicht jede Bunkai funktioniert gleich gut. Der Karateka ist angehalten, sich selbst eine Meinung zu bilden und auszuprobieren.

Auch für einen Musiker gibt es eine Art Bunkai: Insbesondere in der “klassischen” Musik spielt die historische Aufführungspraxis eine große Rolle. So wie uns im Karate die Form einer Kata überliefert ist, sind es in der Musik die Noten eines Musikstücks, zu dem uns historische Musikaufnahmen fehlen. Da die Tonaufzeichnung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde und erst im 20. Jahrhundert so weit perfektioniert werden konnte, dass alle Nuancen der Musikdarbietung auch beim Abspielen zu hören sind, ist es für den Musiker schwer herauszufinden, wie das Stück abseits der Noten zu klingen hat. Wir wissen jedoch, dass die Musik des Barock anders geklungen haben muss als die der Wiener Klassik und die der Romantik. Noch schwieriger wird das für Musik, die vor der Einführung unserer heute bekannten Notenschrift entstanden ist, da hier nur sehr rudimentäre Aufzeichnungen existieren. Die Rekonstruktion geschieht oft anhand von alten Texten, Zeitungsausschnitten und Überlieferungen von Zeitzeugen, die ihren Eindruck der Musik beschreiben. Über die Rekonstruktion der damals üblichen Instrumente, die sich in Details und im Klang von ihren heutigen Nachfahren unterscheiden, ermitteln die Forscher ein mögliches Klangbild. Auch in der Musik probieren Musiker aus, passen an, verwerfen. Manchmal mit durchaus konfliktgeladenen Ergebnissen. Ein Beispiel sind die Mozart-Einspielungen von Glen Gould, der mit seinen Bach-Interpretationen als einer der besten Interpreten gilt, dessen radikaler Bruch mit der üblichen Aufführungspraxis von Mozart aber bis heute für Diskussionen sorgt.

Wandel im Karate und der Musik

Der Weg zum Karate und zur Musik hört niemals auf und er unterliegt einem stetigen Wandel mit unendlich vielen Abzweigungen. Karateka und Musiker entscheiden entweder selbst, welchen Weg sie einschlagen, oder lassen sich von anderen erfahrenen Menschen leiten, die schon einen weiten Teil des Weges zurückgelegt haben (Sensei: Ältester, Erfahrener, Vorangegangener). Entscheiden muss am Ende aber jeder für sich selbst. Manche Entscheidungen aus jungen Jahren werden mit zunehmendem Alter revidiert oder angepasst. Eine Technik, die vielleicht zu Beginn noch auf die eine Art ausgeführt wurde (weil der Lehrer, der Sensei das so vorgegeben hat), wird später anders ausgeführt. Eine Kata, die vielleicht heute so aussieht, sieht morgen anders aus. So ist es auch mit Musikstücken: deine Interpretation von heute interessiert dich morgen nicht mehr, dann existiert vielleicht schon eine neue. Die Begriffe “heute” und “morgen” stehen dabei stellvertretend für einen beliebig großen Zeitraum, denn die Zeitspanne, in der dieser Wandel geschieht, ist individuell.

Vielleicht wird für dich ab einem bestimmten Punkt im Leben plötzlich wieder Kihon unwahrscheinlich wichtig und du trainierst wie besessen deine Technik. Vielleicht hat dich eine bestimmte Spieltechnik auf der Gitarre früher nie gereizt und du hast sie nur oberflächlich oder gar nicht studiert. 20 oder 30 Jahre später hingegen ist sie plötzlich interessant und du kannst dich stundenlang darin verlieren. So ist es auch mit der Kata: Hast du vielleicht in jungen Jahren eher die Pflicht gewählt, um schnell voran zu kommen, ist es später die Kür. Nun wählst du das aus, was dir gefällt. Übst Katas, die du vorher ignoriert hast, die dir unbedeutend erschienen. Vielleicht sind nun auch deine Techniken so ausgereift, dass du zu komplizierteren Katas greifen kannst. Vielleicht wären für den jungen Pianisten Stücke von Liszt früher aufgrund des hohen Schwierigkeitsgrades oder der langen Übedauer, die dafür erforderlich ist, uninteressant oder gar unspielbar gewesen. Später im Leben ist der Anreiz, diese Musik zu spielen eventuell viel größer und das Wissen um die Bedeutung der Spieltechniken für die Musik vorhanden.

Vielleicht ändert sich für den Karateka auch die Bedeutung von Karate: In jungen Jahren stand der Wettkampf und das Messen mit anderen im Vordergrund. Später wird dann der Gesundheitsaspekt und die Selbstverteidigung, die Philosophie hinter Karate interessant. Karate wird gesamtheitlich betrachtet. Der Musiker fixiert sich in jungen Jahren auf andere Ziele, andere Musik als im späteren Verlauf des Lebens. Musik hat einen anderen Stellenwert, das Üben eine andere Qualität. Entscheidungen bezüglich der Interpretation werden anders getroffen. Auch hier sind manchmal Wettbewerbe wie “Jugend musiziert” ein wichtiger Anreiz, dran zu bleiben. Später ist es dann vielleicht der Musikgenuss bei einer Blues Session, die Improvisation oder einfach das Musizieren zu Hause zur Entspannung nach der Arbeit.

Philosophie im Karate und der Musik

Karate besitzt, wie auch andere Kampfkünste, einen philosophischen Überbau. Dieser wurde lange Zeit in den Hintergrund gedrängt und wurde eher den chinesischen Kampfkünsten zugeschrieben. Funakoshi Gichin, der “Vater des modernen Karate”, war ein Gelehrter und Schriftsteller. Er hat die philosophischen Aspekte des Karate wieder hervorgehoben und mit seinen Shōtō-Niju-Kun, den 20 Grundprinzipien des Karate, wiederbelebt. Viele fortgeschrittene Karateka studieren diese Prinzipien und begeben sich auf die spannende Suche nach dem, was hinter Karate abseits von Kihon, Kata und Kumite steckt.

Auch die Musik besitzt eine oder sogar mehrere Philosophien. Viele bedeutende Musiker waren Gelehrte und haben ihre Musik gemäß einer von ihnen vertretenen Philosophie komponiert. In den Künsten spielte Philosophie schon immer eine große Rolle. Wer sich ernsthaft mit Musik auseinandersetzt, wird früher oder später damit beginnen, diese Philosophien zu ergründen. Erst dann öffnet sich eine Ebene zwischen den Noten und ermöglicht eine neue Sichtweise auf ein musikalisches Werk oder eine Interpretation desselben. Das gilt nicht nur für die klassische Musik, sondern auch für die Pop- und Rockmusik. Musik ist immer ein Spiegel ihrer Zeit. Viele Musikstile sind wie ein Geschichtsbuch und wurden durch die Geschichte ihrer Entstehungszeit erst ermöglicht. Das gilt nicht nur für Stile wie Blues, Jazz, Gospel, sondern auch für alle popularmusikalischen Stile wie Beat, R’n’B, Rock’n’Roll, Punk, NDW, Heavy Metal, Grunge, Techno, Electro, Disco, Soul und eigentlich alle nur erdenklichen Stile der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Fachgebiet der Musikwissenschaft beschäftigt sich mit diesen Fragen und ist ein spannendes Forschungsgebiet, auch abseits der Universitäten.

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