Kime – das Geheimnis von Karate und Klavierspielen

Kime ist ein japanischer Begriff, den jeder Karateka kennen sollte und muss. Er ist das Geheimnis der effektiven Karatetechniken und steckt in jedem Schlag oder Tritt. Doch auch beim Klavierspielen gibt es Kime. In diesem Artikel erfährst du alles über Kime im Karate und wie du damit dein Klavierspiel verbessern kannst.

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Das Geheimnis jeder Karatetechnik ist Kime

Kime – was ist das?

Kime (決め) bedeutet übersetzt so viel wie “Entscheidung” bedeutet. Im Wort Kime steckt Ki. Vielleicht hast du schon einmal von Ki gehört. Ki wird im Westen schnell mystifiziert und ins Reich der Esoterik verbannt, dabei ist es ein Begriff, der im Prinzip nichts anderes bedeutet als Energie und diese aber in einen größeren Kontext stellt. In diesem Kontext befinden sich dann der Geist, der Körper, die Atmung, die Luft, die Natur, die Erde und vieles mehr. In der Kampfkunst, aber auch in der chinesischen Medizin und in manchen Religionen geht es darum, das Ki zu erkennen und für sich zu nutzen. Bestimmt hast du schon mal im Physikunterricht von Energie gehört und weißt, dass Energie nicht verloren geht, sondern nur umgewandelt wird – in eine andere Energieform. So ähnlich ist das mit Ki, nur eben etwas weniger physikalisch betrachtet.

Das Wort Ki steckt nicht umsonst überall in den Kampfkünsten, manchmal sogar im Namen der Kampfkunst selbst: Aikido, zum Beispiel. Oder eben auch in technischen Begriffen wie Kime oder Kiai. Kiai ist eine Art Kampfschrei, die der Karateka beim Ausführen der Technik ausstößt. Doch in Wirklichkeit ist es nicht der Schrei, der wichtig ist. In der Tat kann ein Kiai auch unhörbar sein, sondern die Atmung. Kiai besteht nämlich aus den Worten Ki für Energie und ai für Einheit. Es geht hier darum im richtigen Moment die Energie auf einen Punkt zu lenken durch richtige Atmung.

Da sind wir auch schon bei Kime angelangt. Kime ist nämlich mit dem Kiai verbunden. Beide werden synchronisiert. Kiai und Kime müssen im gleichen Moment stattfinden, um effektiv zu sein.

Kime besteht dabei aus drei wichtigen Elementen:

  1. Entspannung
  2. Anspannung
  3. Timing

Beim Ausführen der Technik muss der Karateka komplett entspannt sein. Entspannung bezieht sich dabei nicht nur auf die Muskeln, sondern auch auf die Geisteshaltung und die Atmung. Anspannung kann man im Gesicht sehen (dein Gegner wird dies zu schätzen wissen). Sie äußert sich außerdem im Anhalten der Luft. Mit angespannten Muskeln bist du langsam. Die Bewegungen werden schwerfällig.

Die Anspannung erfolgt erst im Zielpunkt der Technik. Nun werden für einen Bruchteil einer Sekunde die Muskeln angespannt, der Karateka atmet aus (eventuell mit einem lauten Kiai). Der ganze Körper verwandelt sich aus einem komplett entspannten Zustand heraus in eine Betonwand, um im nächsten Moment wieder komplett zu entspannen. Dabei ist das Timing extrem wichtig. Eine zu frühe Anspannung ist genauso ineffektiv wie eine zu späte, die im Ernstfall sogar zu bösen Verletzungen führen kann.

Kime ist etwas, was viel Übung erfordert und dessen Training den Karateka ein Leben lang begleitet.

Im folgenden Video mit den beiden Karate-Meistern Naka Sensei (Japan) und Yamashiro Sensei (Okinawa) siehst du eine Demonstration von Kime: Die maximale Entspannung sorgt für eine blitzschnelle Technik bei gleichzeitiger kurzzeitiger Anspannung am Endpunkt der Technik und sofortiger Entspannung.

Kime beim Klavierspielen

Beim Klavierspielen lernst du in den ersten Monaten die richtige Spieltechnik. Dazu gehört die Handhaltung, aber auch die richtige Körperhaltung und auch der richtige Einsatz von Energie. Mit meinen Klavierschülern mache ich oft zu Beginn einen Test, den du gerne jetzt selbst ausprobieren kannst:

Setze dich so vor das Klavier, dass deine Arme waagerecht sind. Die Finger sind gekrümmt und liegen auf der Tastatur. Ziehe jetzt die Hände von der Tastatur. Was passiert?

Beim Anfänger schweben die Hände in exakt der gleichen Position vor der Tastatur. Beim Fortgeschrittenen fallen sie einfach herunter.

Vielleicht hat dein Lehrer dir schon einmal etwas vom Armgewicht erzählt und wie wichtig dieses für eine gute Klavierspieltechnik ist. Das Armgewicht muss auf der Tastatur liegen. Nur so ist zum Beispiel ein gutes Legatospiel überhaupt möglich.

Doch was bedeutet das? Um das Armgewicht auf den Tasten zu halten, müssen die Muskeln deiner Arme komplett entspannt sein. Die Erdanziehungskraft und das Gewicht deiner Arme sorgen nun dafür, dass Kraft auf die Tasten ausgeübt wird, ohne dass du deine Muskeln einsetzen musst. Die Finger können ohne großen Kraftaufwand spielen und die Tasten drücken.

Spannst du hingegen die Muskeln beim Spielen an, verhindern diese, dass das Gewicht des Armes auf die Tasten einwirkt. Du kannst nur noch aus den Fingern heraus spielen und wirst schon nach wenigen Minuten schmerzhafte Verspannungen in den Muskeln von Armen, Schultern und der oberen Rückenpartien spüren.

Wichtig ist außerdem, das Handgelenk locker zu halten und jederzeit in alle Richtungen bewegen zu können.

Du siehst also, dass Entspannung ein wichtiges Element einer guten Klavierspieltechnik ist!

Doch auch Atmung und Anspannung sind wichtig. Auch dazu machen wir einen Test:

Setze dich erneut vor das Klavier, halte die Arme waagerecht und die Finger gekrümmt. Alle Muskeln sind entspannt. Atme ein und bewege gleichzeitig das Handgelenk nach oben. Die Finger bleiben dabei auf den Tasten. Synchronisiere Atmung und Bewegung, sodass bei kompletter Einatmung das Handgelenk am höchsten Punkt angekommen ist. Nun atmest du langsam aus und bewegst das Handgelenk dabei langsam und synchron dazu nach unten. Drücke dabei ohne Kraft die Taste. Hör dir den entstehenden Ton gut an.

Nun wiederholst du das Experiment, atmest aber schnell aus und lässt da bei das Handgelenk schlagartig nach unten schnellen und schlägst dabei erneut die Taste an. Wie hört sich der Ton nun an?

Der erste Ton sollte sich weich und eher leise angehört haben, der zweite lauter und impulshafter. Du kannst den Effekt noch verstärken, indem du im Moment des Anschlags einen Impuls durch die Finger schickst.

Probiere diese Übungen mit großen und kleinen Bewegungen des Handgelenks aus und in verschiedenen Geschwindigkeiten. Du wirst sehr schnell merken, dass hier das Geheimnis eines dynamischen Klavierspiels liegt.

Vielleicht hast du schon mal gesehen, wie ein Konzertpianist offenbar in völliger Entspannung eine leise oder mittellaute Passage spielt und plötzlich schnellen die Handgelenke und Finger nach oben und sofort in die Tasten für ein furioses Fortissimo. Manchmal wirkt es auch so, als würden sich die Finger nach dem Aufprall auf die Tasten regelrecht davon abstoßen, um dann in die Höhe zu schnellen und sofort wieder zurück auf die Tastatur. Auch hier liegt eine Parallele zum Karate, denn der Karateka lässt direkt nach dem Kime den Arm oder das Bein wie eine Peitsche zurückschnellen. Dafür muss er aber wieder komplett entspannt sein!

Beobachten kann man das schön im folgenden Video, in dem Evgeny Kissin das berühmte Rachmaninoff Prelude Op 3 No 2 in c#-Moll spielt, das aus sehr leisen und furiosen Fortissimo-Passagen besteht. Die teils übertriebenen Handbewegungen eines Konzertpianisten (das Auge hört mit!) machen das “Kime” noch deutlicher sichtbar!

Spannung und Entspannung

Du hast nun gelernt, dass Kime etwas mit Entspannung, Atmung und plötzlicher explosionsartiger Spannung zu tun hat. Vielleicht hast du durch die Übungen die Parallelen zum Klavierspielen erkannt. Der wichtigste Zustand beim Klavierspielen ist der der Entspannung. Konzentriere dich auf die Musik, lass sie dein Spiel leiten, nicht die Technik! Setze Spannung für Impulse in der Musik ein, für Akzente, doch vergiss nicht, dich danach sofort wieder zu entspannen.

Insbesondere technisch anspruchsvolle schnelle Passagen erfordern ein Höchstmaß an Entspannung. Mit angespannten Muskeln kannst du keine schnellen Läufe spielen! Schau dir Videos von Bruce Lee an. Du wirst sehen, dass er sich in einem komplett entspannten Zustand um seinen Gegner bewegt, um dann im entscheidenden Moment blitzschnell zuzuschlagen. Am Zielpunkt spannt er die Muskeln an, atmet aus und entspannt sich sofort wieder. Bruce Lee war ein Meister des Kime und das Geheimnis seiner Schnelligkeit und auch seiner Kraft liegt genau hier. Er konnte das sogar so fokussieren, dass selbst Schläge aus kürzester Distanz zum Ziel maximale Kraft auf das Ziel ausüben konnten (der legendäre One Inch-Punch).

Auch beim Klavierspielen bewegst du dich mit den Fingern stets an den Tasten. Spiele mit maximaler Entspannung, um dann im richtigen Moment bei einem Sforzando blitzschnell die Energie auf die Taste zu lenken, indem du kurzzeitig die Spannung auf ein Maximum erhöhst und dann wieder entspannst. Das ist dein One Inch-Punch des Klavierspielens.

Zum Abschluss hier noch einmal ein Video, das die fabelhafte Technik von Bruce Lee zeigt, seine Schnelligkeit, Kime und die Power des One Inch-Punch.

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