Praxis: Proben wie die Profis

“Ohne Proben nach oben” – diesen Ausspruch hast du bestimmt schon einmal gehört. Was oft als Scherz gemeint ist, gehört für die meisten Profimusiker zum Berufsalltag, zumindest dann, wenn man die Probe im herkömmlichen Sinne definiert: als regelmäßige Zusammenkunft vor dem Auftritt zum Einüben des Konzertprogramms. Doch schauen wir einmal genauer hin, wie sich der Probenalltag vieler Bühneprofis von dem von Hobby-Musikern unterscheidet.

Im Alltag von Profimusikern spielen Proben oft eine untergeordnete Rolle und nicht selten spielen die Musiker das Material zum ersten Mal gemeinsam vor dem Publikum

Zweck der Probe

Jeder Bandmusiker kennt das: die Band trifft sich einmal bis mehrmals wöchentlich zur Probe im Proberaum. Neue Lieder werden eingeübt, alte Stücke verfestigt, das Programm wird mehrfach für den nächsten Gig durchgespielt und gemeinsam arbeitet man an Kompositionen oder Arrangements. Bei Cover-Bands wird diskutiert, welcher aktuelle Chart Hit ins Programm der Band aufgenommen wird und wie einige Songs beim letzten Gig vom Publikum aufgenommen wurden. Trotzdem proben viele Profimusiker selten als komplette Band oder es gibt einen vergleichsweise kurzen Probezeitraum zur Vorbereitung einer ganzen Tour. Warum ist das so?

Für die meisten Musiker ist der Zweck der Probe, das Material als Band zusammenzusetzen. Die eigenen Instrumentalparts treten in den Hintergrund und das Gesamtarrangement, der Song selbst tritt in den Vordergrund.

Oftmals ist der Zweck der Probe aber noch ein anderer: die Geselligkeit ist wichtig. Das gemeinsame Arbeiten an der Musik ebenfalls.

Zeit ist Geld

Nun sind die meisten Profi-Bühnenmusiker (außer Orchestermusiker) in mehreren Bands aktiv, manchmal eigenverantwortlich, oft als Sideman. Zum Thema Sideman gibt es einen eigenen Artikel, dessen Lektüre ich dir hiermit empfehle. Als Berufsmusiker steht in erster Linie das Thema Geldverdienen im Vordergrund der musikalischen Tätigkeit. Jede Minute, in der nicht unterrichtet, nicht im Studio gearbeitet oder nicht auf der Bühne verbracht wird, verdient der Berufsmusiker kein Geld. Um möglichst gut über das Jahr hinweg ausgelastet zu sein, gestaltet sich das Arbeitsleben von Berufsmusikern vielfältig. Zeit mit jeder einzelnen Band zu proben, bleibt da eigentlich kaum. Die Proben werden also auf ein Mindestmaß reduziert und oftmals findet aufgrund unmöglich erscheinender Terminfindung sogar gar keine Probe statt, bevor es auf die Bühne geht.

Zeit ist Geld! Diese Redewendung trifft also auf Profimusiker zu einhundert Prozent zu. Doch warum sind dann viele Bands, die offenbar überhaupt nicht oder selten zusammen proben, trotzdem so gut, begeistern das Publikum und werden gut gebucht?

Proben, aber anders

Schaut man sich die Vorbereitung von Profimusikern auf Gigs an, so stellt man fest, dass eigentlich alle Elemente einer Probe vorhanden sind, sie wurden nur verlagert. Sie finden sich statt im Proberaum in der persönlichen Vorbereitung eines jeden Musikers und vor allem in der Vorbereitungsleistung eines einzelnen Musikers, nämlich des MD, des Musical Director. Zum Thema Musical Director findest du ebenfalls einen eigenen Artikel auf Music Sensei. Hier noch einmal in Kürze, was dessen Job ist:

Der Musical Director legt die Marschrichtung der Band fest. Er bestimmt das Grobarrangement (manchmal auch das Feinarrangement), die Form der Stücke, schreibt Charts oder Lead Sheets, stellt Aufnahmen als Richtschnur zur Verfügung und übernimmt die komplette musikalische Organisation der Band vor dem Auftritt und währenddessen.

Diese Arbeit findet bei vielen Hobby-Bands oder auch bei Bands mit festen Bandbesetzungen, die eigenes Material spielen, im Proberaum statt. Bei Bands, die größtenteils aus gebuchten Musikern bestehen, ist sie also nur verschoben worden. Der MD ist darauf angewiesen, dass die einzelnen Musiker sich gut vorbereiten. Der gebuchte Musiker ist darauf angewiesen, dass der MD einen guten Job macht und das zur Verfügung gestellte Material so gut wie möglich ist.

Vorteile und Nachteile

Einer der wesentlichen Vorteile dieser Art der Auftrittsvorbereitung ohne feste Proben ist, dass kein Proberaum benötigt wird. Jeder probt das Material bei sich zu Hause und sollte doch eine einzelne gemeinsame Probe stattfinden, wird dafür kurzerhand ein Raum angemietet.

Ein weiterer Vorteil ist, dass keine gemeinsamen Termine gefunden werden müssen und ein Treffen aller Musiker zur gleichen Zeit am gleichen Ort hinfällig wird. Da Berufsmusiker oft am Wochenende spielen, in der Woche unterrichten oder im Studio sind und darüber hinaus viel Zeit im Auto, Tourbus oder Hotelzimmern verbringen, ist die übrige Zeit heilig und gehört der Familie. Da in den Abendstunden noch eine Probe einzuschieben, wird nicht gerne gesehen. Oftmals wohnen die Musiker auch nicht nah beieinander und kommen sogar nicht selten aus verschiedenen Bundesländern. Gemeinsame Proben wären also erneut mit weiten Anreisen und Hotelübernachtungen verbunden.

Nachteilig ist, dass eine richtige soziale Verbindung der Musiker nicht stattfindet. Absprachen finden häufig noch in letzter Minute beim Weg auf die Bühne statt. Der erste Eindruck, wie die Musik als Band klingt, entsteht live vor dem Publikum. Der MD bestimmt die Richtung, in die alle zu marschieren haben. Eventuell kennt er die Musiker gut genug, um ihnen Freiräume zu lassen. Viele Möglichkeiten der Mitwirkung an den Arrangements gibt es jedoch nicht.

Sonderfall: Tour-Vorbereitung

Ein Sonderfall ist die Vorbereitung einer Tour, zum Beispiel eines national oder international bekannten Künstlers. Auch hier sind die meisten Musiker gezielt für die Tour angeheuert worden, auch wenn sich für den Konzertbesucher später der Eindruck einer feststehenden Band vermittelt. Auch für eine solche Tour bereiten sich die Musiker mit den Materialien des MD selbstständig vor. Meistens schließen sich unmittelbar vor dem ersten Auftritt einige Probentage an. Diese werden dann aber in der Regel bezahlt. Die Musiker sind währenddessen in einem Hotel untergebracht. Oft sind auch die Techniker (Ton wie Licht) schon beteiligt und treffen erste Entscheidungen, indem sie sich mit dem Material vertraut machen. Die Tour-Vorbereitung dauert meistens nur wenige Tage und die Tour schließt sich in der Regel direkt an. Bei sehr großen internationalen Acts finden ein bis zwei Tage mit kompletter Bühne und Technik in einer Konzerthalle statt. Oftmals wird die Setlist vor einem kleinen geladenen Konzertpublikum gespielt, um sie zu verfeinern, die Funktionstüchtigkeit der Technik zu überprüfen und sich als Band vor Publikum “warm” zu spielen. So fand zum Beispiel die Vorbereitung für die Welttournee von Bruce Springsteen & The E Street Band 2023 ab dem 09. Januar 2023 in einer Konzerthalle in Red Bank, New Jersey statt. 10 Tage später wurde die komplette Bühne samt der Beschallungs- und Lichttechnik in einer 8500 Personen fassenden Arena in Trenton, New Jesey aufgebaut, wo die Band schließlich ein fast dreistündiges Probekonzert vor einigen geladenen Gästen spielte. Der Tournee-Start war am 01. Februar 2023 in Tampa, Florida.

Probentag

Ich persönlich mag es, wenn zur Vorbereitung auf eine Konzertserie ein Probentag stattfindet. Zwar wird dieser selten bis nie bezahlt, doch ist es so möglich, noch einmal vor dem ersten Konzert alle Settings zu überprüfen. Stehen alle Sounds? Funktionieren sie im Zusammenspiel mit der Band? Sitzen alle Handgriffe? Wie sind die Abläufe zwischen den Songs? Funktioniert die Technik ordnungsgemäß? Gibt es noch Änderungswünsche, die umgesetzt werden müssen (fast immer der Fall).

Ein solcher Probentag schont die Nerven und verhindert unliebsame und stressige Überraschungen. Außerdem spielen sich die Musiker aufeinander ein. Statt also den letzten Tag vor einer Konzertserie mit einer Band zu Hause im Arbeitszimmer zu verbringen, ist ein solcher Probentag direkt vor dem ersten Konzert eine prima Gelegenheit, alles ohne Publikum zusammenzufügen und zu überprüfen.

Ungünstig sind solche Probentage allerdings immer dann, wenn sie mit einigen Tagen Abstand zum ersten Konzert stattfinden. Für Musiker, die viel Technik mit sich führen wie Keyboarder oder Schlagzeuger, bedeutet das in diesem Fall einen unnötigen logistischen Aufwand. MDs sollten das deshalb bei der Planung unbedingt berücksichtigen. Einen einzelnen Probentag sollte man bei guter Planung also auch unbezahlt mittragen. Mehrere Probentage müssen allerdings vergütet werden (Honorar plus Spesen).

Fazit

Ganz ohne Proben geht es auch bei Profis nicht. Die wichtigen Bestandteile der Probe haben sich nur verlagert und finden eher in der persönlichen Vorbereitung jedes einzelnen Musikers und in Form der Materialien statt, die ein MD zuvor erstellt hat. Ein Probentag zur Vorbereitung einer Konzertserie gehört oft auch bei Profis zum Alltag und vor einer längeren Tour häufig auch mehrere Probentage oder eine Probenwoche. Diese werden dann in der Regel bezahlt. Trotzdem ersetzt all das nicht den sozialen Aspekt, den regelmäßiges Proben mit einer festen Bandbesetzung mit sich bringt. Diesen vermisse ich oft.

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